Meine Freundin hatte eine Einladung von ihrer Tageszeitung zum Abendessen in ein gutes Hotel erhalten. Sie ist langjährige Abonentin und sollte einmal belohnt werden. Und weil die Zeitung nicht wollte, dass sie allein am Tisch sitzt oder mit wildfremden Leuten, erlaubte man ihr, drei Personen ihrer Wahl auf Kosten der Zeitung, also aller Abonenten, einzuladen. Dann hatte sie noch einen Gutschein über 150,00 € bekommen.
Spätestens jetzt weiß der geneigte Leser, dass es sich nicht um eine reine Wohltat handeln kann, sondern irgendeine Werbeveranstaltung hinten dran hängt.
Reisen.
Sie fragte uns, ob wir am Mittwoch abend eventuell hungrig wären und ca. 3 Stunden Zeit hätten. Hunger ist abends nie ein Problem und Zeit kann man sich nehmen.
Pünktlich wurden wir registriert und bekamen pro Haushalt noch einen Gewinnzettel. Mit diesem konnte man, neben dem bereits erhaltenen Gutschein von 150,00 € noch einmal einen Gutschein im Wert von 200,00 € gewinnen. Die Rabatte galten für alle Personen die zusammen reisen. Das klang nicht schlecht.
Dann kam so ein Quatschkünstler. Angeblich war er seit 30 Jahren Reiseverkehrskaufmann. Aber ich glaube, dass er Donnerstags genauso gut Heizdecken an die Oma bringt.
Die erste Reise ging in die Schweiz. Der Reiseverlauf war ansprechend und wir hätten uns mit dieser Reise anfreunden können. Die zweite Reise war eine Donaukreuzfahrt. Alles super billig, wenn man die (Veranstaltungs-) Rabatte und die 150,00 € Gutschein runter rechnete. Meine Freundin und ich begannen die Loszettel auszufüllen. Die Chance auf noch mal 200,00 € Rabatt in die Schweiz oder auf der Donau lockte sehr.
Nach diesen beiden Präsentationen gab es den ersten Gang des Essens. Während des Essens wurde Andalusien auf der Leinwand gezeigt, aber es schien, dass es da keine Absatzschwierigkeiten gibt. Ernsthaft verkaufen wollte man diese Reise offensichtlich nicht.
Geschmeckt hat es. Und alle waren gespannt wieder bei der Sache.
Dann lief der Verkäufer zur zweiten Hochform auf. Er lobte zwei Flugreisen nach Sizilien und in die Türkei. Es sollten auch noch STUDIENREISEN sein. So 'ne Art Urlaubslager - Lernen und Erholung. Und nur dafür durften die noch zu gewinnenden Gutscheine eingesetzt werden. Wir zerknüllten unsere Losscheine. Wir wollten weder fliegen, noch in die Türkei. Und Palermo als Studienreise???
Nach dieser Präsentation wurden die Losscheine eingesammelt, mit dem Hinweis, dass doch bitte nur die
Reisewilligen an der Verlosung teilnehmen. Ein Drittel der Anwesenden könnten gewinnen und da wäre es doch blöd, wenn einer gar nicht will, aber gewinnt. Das schien uns logisch.
Der Mann vom Reisebüro, der uns als "Wiener" vorgestellt wurde (das wäre aber sein einziger Makel - ha,ha) sammelte die Zettel ein. Am Nebentisch saß ein Ehepaar, das uns sehr an das Hausiererehepaar aus Loriots "Papa Ante Portas" erinnerte. Wir warteten auf die Nachricht von Professor Pirkheimer wegen des bevorstehenden Aufpralls .. Jedenfalls überlegte die Dame offensichtlich, ob es sich noch lohnt das Los in den Eimer zu schmeißen oder ob sie doch eher den Badezusatz und die Wurzelbürste braucht, bevor die Reise los geht. Nach einigem Zögern warf sie den Zettel dann doch in den Eimer.
Und nun kann ich's kurz machen. Auch sie gewann einen Gutschein über 200,00 €. Glückliche Gewinner sehen anders aus. Sie begann sich umzusehen. Plötzlich ruhte der Blick auf mir. Sie schaute mich eine Weile starr an. Ich überlegte schon, warum ich keinen Badezusatz brauche, da winkte sie mir zu. Ich solle mal zu ihr kommen. Ich ging zögerlich. Als ich ankam, sagte Sie zu mir: "Sie sind doch noch jung, wollen Sie nicht den Gutschein haben?" Jung! Im Verhältnis zu ihr schon, aber eben doch schon über...na, ja Generation XX-Plus eben. Irgendwie war ich froh, dass sie Professor Pirkheimer offensichtlich nicht kannte. Trotzdem entfuhr es mir: "Nee danke, nicht fliegen und schon gar nicht in die Türkei!" (Ich entschuldige mich an dieser Stelle bei allen Türkei-Fans, aber ich will da einfach nicht hin). Die letzten Worte, die ich von der Dame hörte, waren: "Mist, wir haben gewonnen." Dann gingen sie nach hause.
Zum Nachtisch gab es übrigens Rote Grüze.