Die Straßenbahn ist mäßig voll. Es sind viele, aber nicht alle Plätze belegt. Auf den beiden „Behindertenplätzen“ gegenüber der Tür sitzen Oma und Enkelin. Die Oma hat einen Stock und sitzt wohl auf dem richtigen Platz. Bei der Enkelin ist es egal, es sind ja noch genügend Plätze frei. Beide unterhalten sich über die Feriengestaltung und dass sie an der übernächsten Haltestelle aussteigen werden.
An der Haltestelle vorher steigt eine ältere Dame ein, sieht sich um und bleibt neben der Tür stehen. Sie wirkt nicht behindert, eben nur älter. Und wenn sie sich nicht setzt, wird sie wohl gleich wieder aussteigen wollen.
Die nächste Haltestelle naht. Das Mädchen steht auf, um an der Tür ihren Haltewunsch zu drücken. Die ältere Dame stürzt sich auf den freigewordenen Platz und fängt einen lauten Lobgesang auf das Mädchen an:
„Das ist aber nett, dass Du aufstehst. Das hat man heute ja nur noch ganz selten. Nein so ein gut erzogenes Mädchen! Dass es so etwas noch gibt!“
Oma und Enkelin gucken ganz verdattert. Auch ich bin etwas verdutzt. „Nein wirklich“, fängt die Dame wieder an, „ich finde es ganz toll, dass Du aufgestanden bist. Bleib so, wie Du bist. DU bist eine Ausnahme.“ Die Haltestelle ist da. Das Mädchen murmelt: „bei uns in der Klasses stehen alle auf“ und steigt aus. Die Oma humpelt hinterher.
„Ein tolles Mädchen“ strahlt die Dame, die fest davon überzeugt ist, dass das Mädchen wegen ihr aufgestanden sei.
So ist wieder mal allen geholfen. Das Mädchen ist überrascht ob des unerwarteten Lobes und reagiert menschlich . Wer auf dieser Welt würde den Irrtum freiwillig aufgeklären? Sie steigt glücklich aus. Die Dame auf dem Sitzplatz bleibt glücklich zurück und ist noch einige Haltestellen lang sichtlich gerührt und voller Glücksgefühle. Dass das Ganz ein blöder Zufall war und somit zum Irrtum wurde, zählt in diesem Moment nicht mehr. So einfach kann Glück sein.